Es ist häufig der erste Eindruck, der zählt. Beim Vectio T ist der eine echte Überraschung. Denn was da vorfährt, scheint ein vollwertiger Reisebus zu sein, ein Fahrzeug, dessen Proportionen stimmen, das die Schulklasse genauso willkommen heißt, wie die Geschäftsetage anspruchsvoller Unternehmen. Nur selten gelingt es einem Bushersteller oder -aufbauer, ein Fahrzeug im Midibereich so stimmig zu gestalten, wie im Fall des Vectio T. Die Front wirkt sachlich betont, verchromte Schwingen über den punktförmigen Scheinwerfern wirken wie freundliche Augenbrauen, die sich dann gekonnt über die A- und B-Säule nach oben schwingen, um ihre Fortsetzung in der oberen Seitenfensterlinie zu finden. Zugegeben, diese Idee haben auch schon andere Designer gehabt, sie wurde oft kopiert, beim Vectio T aber ist diese Idee glaubwürdig und eigenständig umgesetzt worden.
Der Bus ist zehn Meter lang und 3,26 Meter hoch. Dazu passen die kleinen Räder recht gut, deren Radstand von fünf Metern das Optimum in Sachen Fahrkomfort bei Bussen dieser Größenordnung herausholt. Gefertigt wird der Vectio T von Otokar in der Türkei, nicht weit von Istanbul entfernt. Otokar zählt auf dem heimischen Markt zu den ganz großen Busherstellern. Der Schwerpunkt liegt in der Fertigung von Stadt- und kleineren Überlandbussen. Dass Otokar aber auch beim Thema Reise-Midi mitsprechen kann, zeigt der Vectio T. Unter seiner stimmigen Schale steckt ein selbsttragendes Gerippe aus Stahlprofilen. Diese werden durch eine Vollverzinkung gegen Korrosion geschützt, auf ein KTL-Bad oder Edelstahl wird verzichtet, dafür versicherte ein Otokar-Vertreter, dass während des Produktionsprozesses penibel auf das Thema Qualitätssicherung eingegangen werde, was beispielsweise bedeute, dass das Gerippe in korrosionssensiblen Bereichen nach der Verzinkung nicht mehr durch Bohrungen beschädigt werde. Otokar Deutschland-Berater Martin Scharrer weiß, wie sensibel deutsche Buskunden beim Thema Korrosion sind. Entsprechend werden solche, aber auch weitere wesentliche Themen beim Hersteller platziert. Denn die Blickwinkel türkischer und deutscher Busunternehmer könnten unterschiedlicher kaum sein. Während es in Südeuropa auf eine prinzipielle Funktionstüchtigkeit ankommt, verlangt der hiesige Kunde einen größtmöglichen Feinschliff. Dass dann gelegentlich Welten aufeinanderprallen, kommt zwar vor, doch immer lässt sich auch eine Lösung finden. So wurde der Vectio T 2009 für den türkischen Markt entwickelt und später für Westeuropa deutlich aufgewertet. Ein Beispiel ist das Thema Belüftung/Heizung. Kam es anfangs gerade bei feuchtem Wetter noch häufig zu einem Beschlagen der Frontscheiben, stattet Otokar nun alle Busse mit einer Frontscheibenheizung aus. Auch wurde die Klimaanlage vergrößert und im hinteren Türbereich ein Heizlüfter verbaut.
Otokar Vectio T


Verarbeitungsqualität ist gut, Cockpit hochwertig gestaltet
Der äußere Eindruck des Vectio T kann überzeugen. Gilt das auch für den Fahrgastraum? Absolut, denn aus kleinem Raum hat Otokar das Optimum herausgeholt. Es ist alles da, was man für die kurze oder lange Reise benötigt. Bequeme Sitze, die in der Türkei gefertigt werden, mit recht hochwertigem Polster von Schöpf. Wer die Sitzprobe macht, wird feststellen, das Gestühl ist nicht nur ausreichend breit, es verfügt auch über einen erfreulich guten Halt für den Rücken. Natürlich lassen sich die Fahrgastsitze auch zum Mittelgang ausfahren. Eine Fußstütze, leicht bedienbare Armlehnen und ein abklappbares Tablett gehören ebenfalls zum Standard für die Westeuropa-Ausführung. Jeder Platz verfügt über ein Serviceset mit Düsenbelüftung, Serviceruf und Beleuchtung. Auch das stammt von türkischen Zulieferern – was im Übrigen auch überraschend häufig bei einheimischen Herstellern der Fall ist. Die Sicht nach vorn und zur Seite ist nicht besonders erwähnenswert. Das liegt im Wesentlichen daran, dass der Bus nur etwa 3,50 Meter hoch ist, viel Platz für große Scheiben bleibt da nicht. Hier würde ein Glasdach sicher eine interessante Option bieten, doch so etwas haben bisher fast nur Premiumanbieter im Programm. Wesentlich störender als eine subjektiv zu geringe Aussicht ist da eher das Geräuschniveau im Inneren. Bei bestimmten Geschwindigkeiten – wohlgemerkt nicht bei allen – dröhnt es relativ laut. 68 dBA bei Tempo 100 vorn und knapp 71 dBA hinten sind kein guter Wert für einen Reisebus. Meist sind es mehrere Faktoren, die unangenehme Geräusche verursachen. Das dürfte auch für den Vectio T zutreffen. Als Hinterachse vewendet Otokar eine Dana-Achse. Die ist per se nicht schlecht und wird auch von anderen Busbauern verwendet. Und den MAN D08 kennt man als durchaus ruhigen Zeitgenossen. Deswegen hat Otokar dem Thema Geräuschdämmung bereits einen hohen Stellenwert eingeräumt und ist hier auch noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Die Verarbeitungsqualität des Vectio T ist gut. Nirgends finden sich beim Testbus größere Spaltmaße, auch ein kritischer Blick entlang der Seitenwand offenbart keine Schwächen. Das Cockpit ist ausgesprochen hochwertig gefertigt, kein Wunder, in der Türkei sitzen wahre Meister der Kunststoffformung. Entsprechend wirkt der Fahrerarbeitsplatz wie aus einem Guß. Was da allerdings nicht so recht passend erscheint, ist der händisch ausklappbare Monitor, der in einer unschönen Halterung untergebracht ist. Rechts neben dem Begleitsitz befindet sich ein kleiner Schrank mit Wasserkocher und Thermoskanne. Diese Kombination entspringt eindeutig türkischen Busverpflegungs-Gewohnheiten, bei welchen das heiße Wasser in der Thermoskanne dazu dient, Tee aufzugießen. Doch keine Panik, Otokar Deutschland bietet vollwertige Podestküchen von allen hier bekannten Küchenherstellern an. Diese werden nachträglich beim jeweiligen Generalvertreter montiert. Sogar eine Heckküche ist möglich, Flexibilität ist ein wichtiger Bestandteil der Otokar-Philosophie. Im Heck des Testbusses befand sich eine Wassertoilette. Ein Probesitzen ergab eine auch für größere Personen mehr als ausreichende Beinfreiheit bei geschlossener Tür. Mit Heck-WC fallen vier Sitzplätze weg, dann hat man aber immer noch die Möglichkeit, den Bus mit bis zu 39 Sitzplätzen zu konfigurieren, wobei eine Bestuhlung mit 34 Plätzen die vernünftigere Lösung erscheint. In den Kofferraum passen 5,5 Kubikmeter Gepäck, das dürfte für normale Touren ausreichen. Die Klappen öffnen übrigens parallel nach oben schwenkend, ein wenig Raum für das dafür notwendige Gestänge geht dadurch verloren. Besser als oben angeschlagene Klappen ist diese Variante aber allemal, da man als Belader sonst zu stark gebückt arbeiten müsste.