Es regnet an diesem Oktobertag. Kein schönes Wetter, um einen Bus zu testen und anschließend in strahlendem Licht erscheinen zu lassen – zumindest, solange es der entsprechende Bus auch verdient hat. Doch die Omnibusbranche muss bei jedem Wetter raus, und ja, dem Testredakteur macht Regen eigentlich viel mehr Freude, denn da zeigt sich, ob ein Bus ein Schönwetterauto ist oder eben nicht. Einziger Wehrmutstropfen – es stürmt auch noch heftig und die heftigen Winde zerstören auf der Autobahn jegliche Hoffnung, kraftstoffsparend unterwegs sein zu können. Entsprechend gelang es auch nicht, unter 21 Liter/100 Kilometer zu kommen. Das kann auch ein Cityliner deutlich besser, die 19-Liter-Marke wird von vielen Neoplan-Fahrern durchaus als realistisch eingeschätzt. Ein halbwegs objektiver Vergleich mit seinen Konkurrenten verbietet sich deswegen, lediglich subjektiv bleibt der Eindruck, dass der Cityliner des Jahres 2014 noch nicht sein gesamtes Potenzial ausschöpft.
Der Grund für diese Annahme liegt zum einen in den Verbrauchsmessungen während der Stadt- und Landstraßen-Etappen, bei denen sich der Bus trotz flüssigem Durchkommen eher durchschnittlich schlug, und auf der anderen Seite in der Tatsache, dass bei der Umstellung in Richtung Euro 6-Abgasnorm noch nicht das ganze Potenzial – sowohl antriebsseitig, als auch komponentenseitig ausgeschöpft wurde. Wo also andere Hersteller noch einmal die Regler kräftig verstellen in Sachen Windwiderstand und Optimierung aller Nebenaggregate, begnügt sich der Cityliner mit einer Aufrüstung der Abgasanlage. Immerhin war der Bus knapp einen Liter sparsamer unterwegs, als noch im Jahr 2007 auf der identischen Teststrecke, zumal dort besseres Wetter herrschte. Noch weniger übrigens müsste der Bus verbrauchen, wenn er den sogenannten topografiebasierten Tempomaten, Neoplan nennt ihn „Efficient Cruise", an Bord hat. Dann werden Berg- und Talfahrten erkannt und die Schaltvorgänge entsprechend angepasst. Im Testbus war dieses System leider nicht verbaut. Gerne hätte unser Testredakteur das System mit dem bereits aus der Praxis bekannten PPC von Daimler verglichen.
Dass die Einhaltung der Euro 6-Norm nicht zum Nulltarif zu bekommen ist, dürfte klar sein. Im konkreten Fall jedoch bedeutet das nicht nur weniger Schadstoffe sondern auch mehr Gewicht. Satte 170 Kilogramm Mehrgewicht kostet die Sauber-Technik. Das ergibt beim Zweiachser ein stattliches Leergewicht von knapp 14.300 Kilogramm. Zur Veranschauung: Ein vergleichbarer Lion’s Coach ist eine Tonne leichter. Hier besteht also Handlungsbedarf, doch die Schlankheitskur dürfte mit Sicherheit kommen, eine gute Gelegenheit dafür wäre die Produktionsumstellung nach Ankara, spätestens aber 2017, wenn die neue Überrollnorm mit entsprechenden Strukturanpassungen am Fahrzeug Einzug hält.
Neoplan Cityliner HD Euro 6


Neoplan lebt den Busgedanken
Dass die türkischen MAN-Kollegen ordentliche Busse bauen können, haben sie längst bewiesen, dass die Qualität stimmt, ebenso. Und wenn man schon mal dabei ist, an den inneren Werten des Cityliners zu arbeiten, wie wäre es denn dann mit einer etwas höheren Version? Mal ganz vorsichtig angefragt. Fans hat der Schönling mit seinen Stuttgarter/Pilstinger/Münchner/Plauener Wurzeln jetzt schon mehr als genug. Mit einer echten Hochversion könnte sich diese Zahl locker vervielfachen. National, international aber erst recht. Denn die Alternativen im Markt sind extrem dünn gesät. Eigentlich gibt es derzeit nur einen wahren hohen Hochdecker: den Starliner. Doch dessen letzte Tage sind gezählt – und leise kullern die Tränen. Die sitzen übrigens auch bei so manchem Cityliner-Fahrer in den Augenwinkeln. Nämlich immer dann, wenn er sich mal wieder verrenken muss, um die Verkehrsbeschilderung oder die Ampeln zu erkennen. Dabei stammt doch der Begriff „Ein Brett vor dem Kopf haben" eigentlich aus der mittelalterlichen Landwirtschaft. Nun ja, das Ackern gehört zum Geschäft und es gilt auch hier, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, irgendwann hat man die Querstrebe vergessen. Wie dieses Dilemma gelöst werden könnte, muss die Zukunft zeigen. Und dass die der Cityliner verdient hat, zeigen die Lösungen, mit denen der Bus nach wie vor als großer Praktiker meist weit vorn fährt. Kaum ein anderer Bus nutzt derart geschickt jeden Millimeter wie dieser Bus, in dem nach wie vor die Gene großer Busvisionäre stecken. Wer beispielsweise darüber mosert, dass die Gepäckräume nicht ausreichen würden, der kann entweder nicht richtig verstauen oder ist nur mit Golfern unterwegs. Schlichtweg genial sind die schmalen Fächer über den Achsen – hier passen Getränke, Dosen, Werkzeug und und und hinein. Wer solche Fächer nicht hat, weiß gar nicht, was ihm fehlt – oder doch? Und dann erst der Platz direkt hinter der Tür 1. Früher war das die Schlafkabine, heute ist es ein Ort, an dem Fahrer, Beifahrer oder Reiseleiter alles unterbringen können, was schnell erreichbar sein muss – von innen! Der Fahrerarbeitsplatz eines Cityliners war schon immer ein Ort, der jedem Fahrgast Respekt einflößt. Zahllose Schalter, viele, viele Anzeigen, Zeiger, dazu ein mittlerweile recht praktisches Multimediacenter. Ein Radio, eine Videobedienung oder ein Navi im Bus mit Touchscreen! Gab es noch nie – erst jetzt im Cityliner. Leider ist der Bildschirm alles andere als bustauglich – fünf Zoll sind für einen VW gut, nicht aber für den König der Landstraße. Gut, dass der Testfahrer seine Fernbrille auf hatte, da konnten Fehlberührungen ausgeschlossen werden. Also die Idee ist gut, an der Umsetzung darf noch gefeilt werden. Und wenn der Heimwerker schon mal ran darf: Wie wäre es endlich mit einem bequemen Begleitsitz? Wer auf der Fernlinie punkten will – und der Cityliner ist dafür bestens geeignet – der sollte, nein der muss dem zweiten Fahrer den bestmöglichen Komfort bieten, Fahrer sind keine Schwiegermütter. Vielleicht liest hier ja mal ein begnadeter Sitzhersteller mit, der einen Geistesblitz hat und damit einem busmarkenübergreifenden Elend ein Ende bereiten kann.