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Dauerläufer Cityliner

08.01.2015 13:28 Uhr
© Foto: Sascha Böhnke

Dieser Bus zählt nach wie vor zu den schönsten Reisebussen: Als im Juli 2006 der aktuelle Cityliner das Licht der Öffentlichkeit erblickte, bedeutete das zugleich eine Sternstunde im Bus-Design. Interessanterweise hat das Fahrzeug auch acht Jahre später nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. Gilt das aber auch für die Technik?

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Es regnet an diesem Oktobertag. Kein schönes Wetter, um einen Bus zu testen und anschließend in strahlendem Licht erscheinen zu lassen – zumindest, solange es der entsprechende Bus auch verdient hat. Doch die Omnibusbranche muss bei jedem Wetter raus, und ja, dem Testredakteur macht Regen eigentlich viel mehr Freude, denn da zeigt sich, ob ein Bus ein Schönwetterauto ist oder eben nicht. Einziger Wehrmutstropfen – es stürmt auch noch heftig und die heftigen Winde zerstören auf der Autobahn jegliche Hoffnung, kraftstoffsparend unterwegs sein zu können. Entsprechend gelang es auch nicht, unter 21 Liter/100 Kilometer zu kommen. Das kann auch ein Cityliner deutlich besser, die 19-Liter-Marke wird von vielen Neoplan-Fahrern durchaus als realistisch eingeschätzt. Ein halbwegs objektiver Vergleich mit seinen Konkurrenten verbietet sich deswegen, lediglich subjektiv bleibt der Eindruck, dass der Cityliner des Jahres 2014 noch nicht sein gesamtes Potenzial ausschöpft.

Der Grund für diese Annahme liegt zum einen in den Verbrauchsmessungen während der Stadt- und Landstraßen-Etappen, bei denen sich der Bus trotz flüssigem Durchkommen eher durchschnittlich schlug, und auf der anderen Seite in der Tatsache, dass bei der Umstellung in Richtung Euro 6-Abgasnorm noch nicht das ganze Potenzial – sowohl antriebsseitig, als auch komponentenseitig ausgeschöpft wurde. Wo also andere Hersteller noch einmal die Regler kräftig verstellen in Sachen Windwiderstand und Optimierung aller Nebenaggregate, begnügt sich der Cityliner mit einer Aufrüstung der Abgasanlage. Immerhin war der Bus knapp einen Liter sparsamer unterwegs, als noch im Jahr 2007 auf der identischen Teststrecke, zumal dort besseres Wetter herrschte. Noch weniger übrigens müsste der Bus verbrauchen, wenn er den sogenannten topografiebasierten Tempomaten, Neoplan nennt ihn „Efficient Cruise", an Bord hat. Dann werden Berg- und Talfahrten erkannt und die Schaltvorgänge entsprechend angepasst. Im Testbus war dieses System leider nicht verbaut. Gerne hätte unser Testredakteur das System mit dem bereits aus der Praxis bekannten PPC von Daimler verglichen.

Dass die Einhaltung der Euro 6-Norm nicht zum Nulltarif zu bekommen ist, dürfte klar sein. Im konkreten Fall jedoch bedeutet das nicht nur weniger Schadstoffe sondern auch mehr Gewicht. Satte 170 Kilogramm Mehrgewicht kostet die Sauber-Technik. Das ergibt beim Zweiachser ein stattliches Leergewicht von knapp 14.300 Kilogramm. Zur Veranschauung: Ein vergleichbarer Lion’s Coach ist eine Tonne leichter. Hier besteht also Handlungsbedarf, doch die Schlankheitskur dürfte mit Sicherheit kommen, eine gute Gelegenheit dafür wäre die Produktionsumstellung nach Ankara, spätestens aber 2017, wenn die neue Überrollnorm mit entsprechenden Strukturanpassungen am Fahrzeug Einzug hält.


Neoplan Cityliner HD Euro 6

Neoplan Cityliner HD Euro 6 Bildergalerie

Neoplan Cityliner HD Euro 6
© Foto: Sascha Böhnke

Neoplan lebt den Busgedanken

Dass die türkischen MAN-Kollegen ordentliche Busse bauen können, haben sie längst bewiesen, dass die Qualität stimmt, ebenso. Und wenn man schon mal dabei ist, an den inneren Werten des Cityliners zu arbeiten, wie wäre es denn dann mit einer etwas höheren Version? Mal ganz vorsichtig angefragt. Fans hat der Schönling mit seinen Stuttgarter/Pilstinger/Münchner/Plauener Wurzeln jetzt schon mehr als genug. Mit einer echten Hochversion könnte sich diese Zahl locker vervielfachen. National, international aber erst recht. Denn die Alternativen im Markt sind extrem dünn gesät. Eigentlich gibt es derzeit nur einen wahren hohen Hochdecker: den Starliner. Doch dessen letzte Tage sind gezählt – und leise kullern die Tränen. Die sitzen übrigens auch bei so manchem Cityliner-Fahrer in den Augenwinkeln. Nämlich immer dann, wenn er sich mal wieder verrenken muss, um die Verkehrsbeschilderung oder die Ampeln zu erkennen. Dabei stammt doch der Begriff „Ein Brett vor dem Kopf haben" eigentlich aus der mittelalterlichen Landwirtschaft. Nun ja, das Ackern gehört zum Geschäft und es gilt auch hier, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, irgendwann hat man die Querstrebe vergessen. Wie dieses Dilemma gelöst werden könnte, muss die Zukunft zeigen. Und dass die der Cityliner verdient hat, zeigen die Lösungen, mit denen der Bus nach wie vor als großer Praktiker meist weit vorn fährt. Kaum ein anderer Bus nutzt derart geschickt jeden Millimeter wie dieser Bus, in dem nach wie vor die Gene großer Busvisionäre stecken. Wer beispielsweise darüber mosert, dass die Gepäckräume nicht ausreichen würden, der kann entweder nicht richtig verstauen oder ist nur mit Golfern unterwegs. Schlichtweg genial sind die schmalen Fächer über den Achsen – hier passen Getränke, Dosen, Werkzeug und und und hinein. Wer solche Fächer nicht hat, weiß gar nicht, was ihm fehlt – oder doch? Und dann erst der Platz direkt hinter der Tür 1. Früher war das die Schlafkabine, heute ist es ein Ort, an dem Fahrer, Beifahrer oder Reiseleiter alles unterbringen können, was schnell erreichbar sein muss – von innen! Der Fahrerarbeitsplatz eines Cityliners war schon immer ein Ort, der jedem Fahrgast Respekt einflößt. Zahllose Schalter, viele, viele Anzeigen, Zeiger, dazu ein mittlerweile recht praktisches Multimediacenter. Ein Radio, eine Videobedienung oder ein Navi im Bus mit Touchscreen! Gab es noch nie – erst jetzt im Cityliner. Leider ist der Bildschirm alles andere als bustauglich – fünf Zoll sind für einen VW gut, nicht aber für den König der Landstraße. Gut, dass der Testfahrer seine Fernbrille auf hatte, da konnten Fehlberührungen ausgeschlossen werden. Also die Idee ist gut, an der Umsetzung darf noch gefeilt werden. Und wenn der Heimwerker schon mal ran darf: Wie wäre es endlich mit einem bequemen ­Begleitsitz? Wer auf der Fernlinie punkten will – und der Cityliner ist dafür bestens geeignet – der sollte, nein der muss dem zweiten Fahrer den bestmöglichen Komfort bieten, Fahrer sind keine Schwiegermütter. Vielleicht liest hier ja mal ein begnadeter Sitzhersteller mit, der einen Geistesblitz hat und damit einem busmarkenübergreifenden Elend ein Ende bereiten kann.
Neoplan Cityliner HD Euro 6
© Foto: Sascha Böhnke

Nie war der Cityliner so gut wie heute

Fahren lässt sich der Cityliner bestens. Der Bus liegt dermaßen satt auf der Fahrbahn, als wären Schlaglöcher und Bodenwellen noch nicht erfunden. Ein Grund für die exzellente Straßenlage ist CDS, das adaptive Dämpfer­system. Während herkömmliche Stoßdämpfer nur eine Einstellung kennen, passt sich CDS der aktuellen Fahrsituation an. Sobald der Bus beispiels­weise in eine Kurve fährt, stellen sich die Dämpfer straffer und verhindern eine zu starke Neigung oder gar ein Aufschaukeln. Wer will, kann zudem gleich von vornherein das CDS-Kennfeld verkleinern, dann ist eine straffe Aufhängung schon mal Programm. Verantwortungsvolle Fahrer werden das aber nicht benötigen, so wie sie auch noch nie das ESP in Aktion erlebt haben. Prinzipiell kommt dem Cityliner seine geringe Höhe von knapp 3,70 Metern zugute. Der Schwerpunkt ist somit ­ohnehin schon recht tief. ESP ist serienmäßig und seit einigen Jahren gibt es auch einen ­Abstandsregeltempomaten. MAN nennt den ACC – Adaptiv Cruise Control. Der funktioniert recht ordentlich, könnte aber durchaus noch den letzten Feinschliff vertragen. Extrem komfortorientiert fahrenden Fahrern und ­Unternehmern dürfte er ein wenig zu zackig reagieren. Ein echter Pluspunkt ist der Notbremsassistent EBA. Den gibt es zwar im Augenblick nur in der ersten Stufe, aber immerhin: Es gibt ihn! Und genau das ist es, was zählt. Lieber nur die erste Sicherheitsstufe, als gar keine. MAN hat hier das Glück, Teil eines großen Nutzfahrzeugkonzerns zu sein, mit entsprechend technischem Background. Was auf der Testfahrt schmerzlich vermisst wurde, waren einige Kleinigkeiten. Dazu zählt beispielsweise ein Licht-/Regensensor. Evobus hat so etwas längst im Programm, Pkw sogar schon seit vielen, vielen Jahren. Dafür aber ist der Cityliner eine Lichtgestalt, wenn es um die Ausleuchtung der Fahrbahn geht. Wer schon einmal auf einem engen, unbeleuchteten Parkplatz rangieren musste oder eine enge, dunkle Einfahrt genommen hat, der freut sich über die Abbiegescheinwerfer. Die funktionieren bei diesem Bus hervorragend. Das Abblendlicht wird durch Xenon-Scheinwerfer realisiert, entsprechend ist eine Scheinwerfer-Reinigungsanlage verbaut. Was beim Cityliner bisher noch nicht flächendeckend eingesetzt wird, sind LED-Leuchten. Hier greift MAN zu einem Leuchtmittelmix. Ein wenig störend ist die volle Fahrgastraumbeleuchtung, denn sie kann sich, je nach ­Körpergröße und Sitzposition, unangenehm in der Frontscheibe spiegeln. Dafür sind die ­Armaturen bei Dunkelheit gut zu sehen und zu finden. Die Fahrgäste werden sich auch im Jahr 2014/2015 im Cityliner wohlfühlen. Dafür sorgt zum einen das edel anmutende Ambiente, welches bereits beim Einsteigen für eine ­ge­hobene Stimmung sorgt. Grund hierfür ist das Neoplan Individual Paket, welches unter ande­rem die Handläufe in Edelstahl bietet. Wichtig nicht nur im Fernbus ist eine 220-­Volt-Stromversorgung für die Passagiere. Für ­diesen Zweck waren im Testbus sowohl ein leistungsstarker Konverter als auch 220-Volt-­Steckdosen an den Plätzen verbaut. Das WC ­befindet sich zwar nach wie vor am Mitteleinstieg, doch es ist im Vergleich zu anderen großzügig ­be­messen, wozu auch ein 150 Liter fassender Fäkalientank mit einem Vakuumsystem zählt. Immer mehr Unternehmen experimentieren zudem mit Getränke- oder Snackautomaten. Während einer Fernbustour in zeitlicher Nähe zu diesem Supertest konnte unser Testredakteur einen solchen Getränkeautomaten in Aktion erleben. Er wurde von den Fahrgästen auf der Strecke Berlin–München reichlich genutzt. Zwar scheuen noch immer zahlreiche Busunternehmen eine solche Investition, doch durch Plug-and-Play-Lösungen sind die Automaten vielseitig ein- und umsetzbar. Grandios sind zudem die ergonomischen Fahrgastsitze, auf denen jede Reise zu kurz werden dürfte. Unser Urteil: Der Neoplan Cityliner schlägt sich auch als Euro 6-Version im Jahr 2014 gut. Optisch ist er nach wie vor eine Größe, an der sich alle anderen Hersteller messen lassen müssen. Allerdings muss es erlaubt sein, bestimmte Dinge kritisch zu hinterfragen, denn der technische Fortschritt und die Anforderungen von Fahrgästen, Unternehmern und Fahrern steigen von Jahr zu Jahr. So ist sein Leergewicht ein Punkt, der einer grundsätzlichen Überarbeitung bedarf. Auch bei der Ergonomie, dem Fahrersichtfeld sowie bestimmten Sicherheitssystemen sollte eine Anpassung schrittweise erfolgen. Der Cityliner ist jedoch zu einem attraktiven Preis erhältlich und seine verantwortlichen Entwickler und Techniker haben ihr Ohr an den Wünschen ihrer Kundschaft. Und so ist es eine feststehende Tatsache: Noch nie war der Neoplan Cityliner so gut, wie er sich heute präsentiert! (sab)
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