Minibusse hatten früher nicht den besten Ruf. Warum das so ist, das kann man gut anhand des neuen Mercedes-Benz Sprinter Travel 65 erklären. Der ist nämlich ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sich das Image von Minibussen von der verglasten Handwerkerkutsche hin zum Edel-Mini änderte. Natürlich, kleine Busse gibt es schon eine gefühlte Ewigkeit, darunter auch solche Perlen wie den Setra S6. Die Regel aber waren eigens konstruierte Fahrzeuge nie, der Transporter mit all seinem industriellen Charme diente und dient als Basis.
Nun muss das nicht schlecht sein, schließlich muss ein Transporter gewisse Kriterien erfüllen, zu denen auch Robustheit, Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit zählen. Das alles ist auch für den Bus von Bedeutung, daneben aber noch ein ganzes Maßnahmenpaket mehr. Bananenkisten ist es relativ egal, wie komfortabel die Federung ist, Fahrgästen mit Sicherheit nicht. Dazu kommt, „richtige" Reisebusse werden von Jahr zu Jahr komfortabler, sicherer und innovativer. Das bekommt auch Otto Normalfahrgast mit und will entsprechend beim Betriebsausflug mit dem Kleinbus nicht darauf verzichten.
Mercedes-Benz hat da Glück. Und das gleich mehrfach. Denn zum einen haben sie mit dem Sprinter einen Transporter im Programm, der in seinem Segment allen Wettbewerbern zeigt, wo der Hammer hängt, beziehungsweise die Reise hingeht. Sprich: Das Basisfahrzeug glänzt heute mit Features, deren Entwicklung sich nur ein starker Konzern leisten kann. Und auf der anderen Seite haben sie Dortmund. O. k., nicht gleich die ganze Stadt, aber immerhin die Dortmunder Mercedes-Benz Minibus GmbH. Ein schlaues Händchen bewiesen die Mercedes-Strategen ja schon öfter, so also auch 1998, als sie sich an der damaligen Karl Koch GmbH beteiligten und damit den Fuß in der Tür zum Minibus-Sektor hatten. Und das auch noch bei einem Unternehmen, welches sein Handwerk so gut wie kaum ein anderer verstand. 2004, also vor genau zehn Jahren, übernahm Mercedes-Benz dann den Hersteller komplett und war nun echter „Full-Line-Anbieter".
Die Minibus-Palette hat sich seitdem kontinuierlich vergrößert. Neben einfachen „Transfer"-Bussen, also dem Basis-Fahrzeug mit eingesetzten Scheiben ohne viel Schnickschnack, dafür aber „preiswert", gibt es komplett selbst aufgebaute Luxusreisebusse und Niederflurbusse, für die sogar eigene Achsen konstruiert wurden. Im vergangenen Jahr dann wurden sämtliche Basis-Sprinter einer gründlichen Modellpflege unterzogen, wesentlicher Grund dafür war die Einführung der neuen Euro 6-Motoren. Da ohnehin die Technik erneuert werden musste, verpasste man den Fahrzeugen auch gleich eine optischen Auffrischung.
Sprinter Travel 65 Euro 6


Automatikgetriebe 7G-Tronic-Plus überzeugt
Bereits vor einiger Zeit testete die OMNIBUSREVUE einen Travel 65. Das Fazit damals bescheinigte dem Bus eine hohe Praxistauglichkeit und jede Menge guter Ideen. Nun also auf zur Runde zwei mit neuem Motor und neuem Getriebe. Optisch hat sich nicht viel getan. Mit seiner weit ins Dach gezogenen Panorama-Windschutzscheibe, den großflächigen doppelt verglasten Seitenscheiben und der tief nach unten gezogenen Gürtellinie will der Bus schon bei seiner Ankunft klarstellen: Ich bin ein echter Bus, klein, aber oho. Das Designelement an der Fahrgasttür soll an ein Seitenleitwerk erinnern. Na gut, da haben die Marketing-Experten ganz schön tief in die Assoziations-Trickkiste gegriffen, aber warum nicht – dann fühlt man sich halt beim Fahren im Sprinter wie auf Wolke 7. Die Stoßstangen in Wagenfarbe und der verchromte Kühlergrill vermitteln ein Gefühl der Hochwertigkeit, das gilt auch für die Klimaanlagenabdeckung in Wagenfarbe und das eigenständige Omnibusheck mit dessen großer Gepäckraumklappe. Zugegeben, in der Sprinter-Klasse aufzufallen, ist nicht einfach, es gibt einfach zu viele Aufbauhersteller, von denen sich die meisten mehr oder weniger gut gelungene Design-Adaptionen haben einfallen lassen. Dennoch bleibt ein Sprinter ein Sprinter und es sind in der Regel Details, an denen sich die Unterschiede festmachen lassen. Beim Dortmunder Travel 65 sind das unter anderem die Rückleuchten, die die Verwandtschaft zu den großen Reisebussen von Mercedes-Benz eindrucksvoll verdeutlichen. Ein wenig angepasst wurde der Sprinter Travel 65 aber natürlich schon. Dazu zählen die senkrechter stehende Kühlermaske mit ihren gepfeilten und gelochten Lamellen, die schärfer geschnittenen Scheinwerfer oder der dreidimensional wirkende Stoßfänger. Zum Test kam ein Bus mit einem Radstand von 4.325 Millimetern. Leer wiegt dieser vier Tonnen, erlaubt sind bei diesem speziellen Typ 5.450 Kilogramm insgesamt. Da bleiben also für die 15 +1 +1 Insassen 1,45 Tonnen. Reicht das? Sagen wir mal, wenn nicht jeder Fahrgast inklusive Gepäck 100 Kilogramm auf die Waage bringt, dann ja. Aber das Problem haben schließlich alle anderen Wettbewerber auch. Es war gar nicht so einfach, die Euro 6-Technik inklusive AdBlue-Tank gewichtsneutral hinzubekommen, doch die Dortmunder haben es geschafft. Auf dem Handlingparcours des ADAC in Linthe zeigte der Bus keine Schwäche. Einzig das ESP kam auf der Kreisbahn viel zu spät beziehungsweise gar nicht, weil der Tester den Versuch bei knapp 50 km/h abbrach. Kein Wunder, das beladungsabhängige Sprinter-ESP ist für den Transporter ausgelegt und auch hier gilt: Einer Bananenkiste ist es egal, wie ruppig der Fahrer unterwegs ist. Insgesamt aber lässt sich der Sprinter Travel ausgezeichnet fahren. Dafür sorgt schon mal der neue Motor. 190 PS und 440 Nm Drehmoment, die der V6 aus drei Kubikmetern Hubraum schöpft, sind mehr als genug. Dieses hohe Drehmoment erstreckt sich zudem über ein breites Drehzahlband von 1.400–2.400 U/min. Dazu kommt ein äußerst ruhiger Motorlauf. Kein unangenehmes Transporter-Nageln stört den Reisegenuss. Da haben die Ingenieure aber auch ganze Arbeit bei der Weiterentwicklung geleistet. Basis der Abgasreinigung ist die aus den großen Omnibussen mit Stern, die BlueTec-Motorentechnologie mit AdBlue-Einspritzung und SCR-Katalysator. Die Motoren selbst bleiben in ihren Grundzügen, Leistungsdaten und Drehmomentverläufen unverändert. Jedoch haben die Entwickler den Schritt zu Euro 6 genutzt, um den Einspritzverlauf und die Verbrennung sowie den Ladedruck zu optimieren. Daraus resultieren ein niedriger Kraftstoffverbrauch und ein leiseres Verbrennungsgeräusch. Eine geänderte Voreinspritzung führt zu einer weiter verbesserten Laufkultur. Zusätzlich wurde das Fahrverhalten hinsichtlich der Lastwechsel bei Schalt- und Automatikgetrieben nochmals spürbar optimiert. Und auch das soll nicht unerwähnt bleiben: Der im Testwagen eingebaute einzige Sechszylinder ist in dieser Klasse in Europa einzigartig, ein V6 mit 3,0 Liter Hubraum und 140 kW (190 PS) Leistung. Das Triebwerk besitzt vier oben liegende Nockenwellen, insgesamt 24 Ventile und ein Kurbelgehäuse aus Aluminium. Gut gefallen hat dem Testfahrer vor allem das maximale Drehmoment von 440 Nm, welches über ein breites Drehzahlband von 1.400–2.400 U/min zur Verfügung steht. Erstmals hatte der Testredakteur auch das Vergnügen, das neue Automatikgetriebe „7G-Tronic-Plus“ zu fahren. Gut, das gibt es nur gegen Aufpreis, doch die Investition lohnt sich. Denn nicht nur die einzelnen Fahrstufen werden butterweich eingelegt, durch die sieben Gänge fährt der Sprinter auch stets im optimalen Drehzahlbereich. Das machte sich im gemessenen Durchschnittsverbrauch bemerkbar. 13,57 Liter/100 Kilometer betrug der gemessene Gesamt-Durchschnittsverbrauch. Das ist knapp unter dem Wert des Vorgänger-Sprinters. Gut erkennen aber lässt sich, dass gerade auf Autobahnetappen der Verbrauch geringer geworden ist. Hier spielt sicher auch die etwas niedrigere Drehzahl bei Tempo 100 durch das Siebengang-Getriebe eine Rolle.